Wie alles begann…

Wie alles begann…

Alles fing damit an, dass das Erbe meines Vaters eine alte analoge Leica-Spiegelreflexkamera umfasste. Zunächst dachte ich ja daran, diese möglichst teuer zu verkaufen. Die Ernüchterung folgte schnell: diese Kamera, eine R7 mit einem Zoomobjektiv der Brennweite 28 – 70 mm (wahrscheinlich ein Kit-Angebot), wurde nicht, wie ich es hoffte, für 500 bis 600 Euro gehandelt sondern wäre bestenfalls für rund 150 Euro »über den Tisch« gegangen.

Also keimte in mir der Gedanke, das gute Stück (und das ist sie, außerdem richtig massiv!) einfach selber zu reaktivieren!… Und je länger ich darüber nachdachte desto eindringlicher stellte sich mir die Frage, warum ich nicht früher auf den Gedanken gekommen war?

 

SO VERKÜNDETE ICH DIESE IDEE AM 28. MAI 2018 AUF INSTAGRAM…​

Meine Hoffnung, auf dem in der Kamera befindlichen Farbfilm noch alte Bilder meines Vaters von vor 20 Jahren oder so vorzufinden, erfüllte sich leider nicht: der Film war nicht richtig eingelegt gewesen und wurde gar nicht transportiert.

Also besorgte ich verschiedene Schwarz-Weiß-Filme, denn eines war mir auch klar: Ich wollte wieder Filme selber entwickeln wie schon zu Schulzeiten. Aber wie funktioniert das gleich nochmal?…

Nun gut, »das Netz ist dein Freund«, und rasch war mir die Vorgehensweise wieder klar und auch eine Möglichkeit gefunden, ein Starter-Set mit Entwickler- und Fixiererlösungen sowie Entwicklungsdose zu erhalten. Außerdem noch einen Dunkelsack und diverse Gefäße.

Das Starter-Set mit Entwicklerdose, Chemie und Übungsfilm
Vorfreude auf die ersten analogen Bilder seit 30 Jahren
Alles liegt bereit für die ersten Gehversuche
Motivsuche und Kennenlernen der Kamera

Und irgendwann waren sämtliche Vorkehrungen getroffen und es stellte sich die Frage, was man denn in Schwarz-Weiß so fotografieren könnte.

Denn plötzlich musste man sich tatsächlich ganz bewusst fragen, welche Motive es denn wert seien, auf den »teuren« Film gebannt werden sollten. So ganz anders als der inflationäre Umgang mit Bildern im digitalen Alltag.

Also besuchte ich den Stuttgarter Pragfriedhof.

An Motiven mangelt es diesem wunderbar stimmungsvollen Ort wahrlich nicht. Doch wie diese in Szene setzen? Wie sehen, welche Ausschnitte auch dann interessant wirken, wenn sie ihrer Farbe beraubt werden?

Im nachfolgenden Bild zum Beispiel trennt sich der Hintergrund trotz Unschärfe nicht genügend vom Motiv.

Auch sehr kleinteilige Strukturen wie dieser an sich sehr imposante Baum oberhalb des Grabes gehen eben gerne in undefinierten Grausumpf über.

Besser funktionieren klare und vordergründige Formen.

Oder auch schöne Details…

Das folgende – an sich (im Motiv) unterbelichtete – Bild erhielt seine gute Trennung von Bildinhalt und Hintergrund durch den Umstand, dass ich die Tonwerte sehr kräftig anheben musste und das Laub dadurch extrem hell wurde.

Am besten funktioniert aber einfach das nahe Herangehen an das Motivobjekt.

Orts- und Motivwechsel

Auch in der Stadt warteten Motive darauf, die ersten drei Filme zu füllen.

Eine weitere schon etwas verlernte Herausforderung war das manuelle Scharfstellen… Mit meiner digitalen Nikon muss ich mir darüber praktisch keine Gedanken mehr machen, es sein denn, ich will die Schärfe anders setzen als auf das Hauptmotiv. Hier aber habe ich nur einen Schnittbildindikator zur Verfügung und muss selber immer ein bisschen hin und her drehen, bis die bestmögliche Schärfe erreicht zu sein scheint.

Das ist – so verwöhnt ist man inzwischen – ungewohnt anstrengend und für belebte Motive (also zum Beispiel solche außerhalb eines Friedhofs) erschreckend langsam und hinderlich, um nicht zu sagen spontanitätstötend…

Auch hier wieder die Erkenntnis, dass Bilder, die in Farbe noch eine gewisse Aussagekraft inne haben mögen, in Schwarz-Weiß möglicherweise einfach nur noch trist und nichtssagend wirken.

Wieder: weg von der Totalen, hin zum Detail.

Besonders angetan hat es mir ja das Fotografieren von Leben in der Stadt, von Menschen, von Situationen, in denen diese sich alltäglich befinden oder von außergewöhnlicheren Momenten wie die zahlreichen Künstler in der Stadt.

Was ich im Moment der Aufnahmen noch nicht wusste, war, dass die Rückwand der alten Leica geradezu ein Sieb war für all das viele Licht, das sich neugierig auch in den letzten Winkel schleicht.

Natürlich ist das nicht akzeptabel, führt aber – wie unten zu sehen – manchmal zu interessanten Ergebnissen. So kann eine Concordia plötzlich zum Leuchtturm werden.

In anderen Fällen aber ist das Lichtleck sehr lästig, wenn zum Beispiel hier eine wirklich hervorragend in schwarz-weiß wirkende Aufnahme schlicht zerstört wird.

Zu diesem Thema folgt ein eigener Blogbeitrag…

Mein Fazit zum Neubeginn in der Analogfotografie

Die Analog (Schwarz-Weiß-) Fotografie ist ein sehr spannendes Feld in vielerelei Hinsicht:

  • Die viel bewusstere Auseinandersetzung erstens mit der Wahl des Motives und zweitens der Suche nach dessen optimaler Positionierung lässt einen den Vorgang des Fotografierens ganz neu erleben, da man ja nicht einfach auf Verdacht losknipsen und sich auch durch das instantane Ergebnis auf dem Display leiten lassen kann.

  • Die Entwicklung des Filmmaterials ist ein sehr kontemplativer Prozess und bietet ein durch und durch haptisches Erlebnis. Außerdem bietet sich hierbei die Gelegenheit zu vielerlei Experimenten durch die Wahl verschiedener Entwcklungsansätze und -methoden.

  • Die Digitalisierung und Nachbearbeitung der Negative ist nochmal sehr aufwändig, bietet aber ihrerseits eine Menge Gestaltungsspielraum.
  • Das Einscannen mit dem Durchlichtscanner scheint mir weit zu zeitintensiv, die Ergebnisse scheinen aber recht gut. Das Abfotografieren der Negative auf einem Leuchtmedium mittels Digitalkamera wird wahrscheinlich mein zukünftiger Weg sein, das Resultat scheint dem des semiprofesionellen Scanners durchaus vergleichbar.
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